Rede von Prof. Dr. Ing Martin Grambow 34. Präsident des Rotary Clubs Chiemsee anlässlich der Verleihung des Kunstpreises der Kunstzeit Prien an Clemens Büntig
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Laudatio auf Clemens Büntig
I. Eröffnung
II. Liebe Freunde der Kunst, lieber Clemens Büntig,
danke für die Einladung und die Ehre, hier zu sprechen.
Rotary hat diesen Preis gestiftet, weil wir Rotarier uns als Teil einer Wertegemeinschaft im Klaren darüber sind, welchen Beitrag die Kunst, das kreative Schaffen für unsere Kultur, die Werte unserer Gesellschaft hat:
Der Philosophieprofessor Peter Sloterdijk leitet seine grundlegende Ethik des Anthropozäns („Du sollst Dein Leben ändern“) nicht umsonst an einem Gedicht von Rilke über die Betrachtung eines Kunstwerks der bildenden Künste her.
Die Kunst berührt seit Platon und Aristoteles die philosophischen Begriffe der Ästhetik und des Diskurses über das „Schönen“ und seinen Gegensatz, das „Nicht Schönen“; letztlich Wegmarken zu Hegels Dialektik. Ergänzt wird dies durch den Diskurs zur Natur und den Naturgesetzen als einerseits vorgegebene Bedingung unseres Daseins und andererseits gleichsam als Kontrapunkt die Freiheit des technischen und künstlerischen Schaffens (was nebenbei dann bei Kant und den Aufklärern zur Begründung der Moral führt).
Dieses erweiterte Verständnis der Kunst als gesellschaftliches Element hat mit unserem Preisträger und dem gesamten Wettbewerb zu tun!
Ich habe mir aus der Arbeit der Jury berichten lassen – an dieser Stelle ein ausdrücklicher Dank an alle, die sich der schweren Übung unterzogen haben, unter so vielen herausragenden Künstlern und Künstlerinnen einen Gewinner herauszuschälen und insbesondere Rita Mohr-Lüllmann, die die Rotarier in der Jury vertreten hat und das Wesentliche zu dieser Laudatio beigetragen hat. Ich verstehe diesen Prozess der Auswahl auch als das Benennen eines Künstlers oder einer Künstlerin als „pars pro toto“, also eines besonders guten Beispiels für den Wert, den Hintergrund des Kunstschaffens und der eingereichten Werke an sich.
Die Jury also hat in diesem Jahr lange diskutiert — über Handschrift, über Haltung, über die Frage, was ein Werk eigentlich auszeichnet, das über den Moment hinaus Bestand hat.
Die Einigung kam dann bei Clemens Büntig zustande. Nicht, so höre ich, weil sein Werk gefällig wäre. Sondern weil es etwas tut, das selten geworden ist: Es verbindet ein außergewöhnliches Handwerk mit einer Haltung zur Welt — und beides ist bei ihm nicht zu trennen. Ich möchte Ihnen in den nächsten Minuten erklären, warum sich die Jury einig war.
II. Die Prägung
Geboren 1968 in San Francisco, aufgewachsen ab dem zweiten Lebensjahr in Oberbayern — Clemens Büntig ist an Orten groß geworden, an denen Natur keine Kulisse war, sondern Nachbarschaft. Er hat naturnah gelebt, nicht als Programm, sondern als Selbstverständlichkeit. Wer so aufwächst, lernt eine bestimmte Art des Hinsehens: geduldig, ohne Eile, ohne die Erwartung, dass sich etwas nach dem eigenen Zeitplan richtet. Mit einundzwanzig Jahren verließ er Deutschland zu Fuß und ging von München bis nach Gibraltar – eine entschleunigte, genaue Betrachtung der Umwelt, die wohl Teil seines Konzeptes ist.
Diese frühe Prägung ist der Boden, auf dem alles Spätere wächst. Und sie erklärt, warum sein Werk nie den Beigeschmack des nachträglich Gewählten hat. Er ist nicht zur Natur gekommen. Er kam von dort.
III. Das Handwerk
Studiert hat er in Cádiz und in Basel, an der Schule für Gestaltung, Diplom in Originaldruckgrafik — Holzschnitt, Radierung, Lithografie, Siebdruck. 1996 ging er nach New York und arbeitete bei Pace Prints für Aldo Crommelynck. Für jene, denen der Name nichts sagt: Crommelynck war Picassos letzter Drucker. In dieser Werkstatt entstanden Editionen für Jim Dine, Ed Ruscha, Richard Serra, Sean Scully.
Halten wir kurz fest, was das bedeutet. Die meisten Künstler suchen sich einen Drucker. Clemens Büntig war dieser Drucker — für einige der größten Namen der Nachkriegskunst. Er hat das Medium nicht als Reproduktionsverfahren gelernt, sondern als Sprache, in der andere gedacht haben. Und er hat sich diese Sprache anschließend für ein eigenes Werk zurückerobert.
Nun zur Technik — und hier komme ich zu dem Satz, der in unserer Jurydiskussion am häufigsten gefallen ist.
Bei Clemens Büntig sind Hand und Herz das Hauptwerkzeug.
Die Druckerpresse ist eine Maschine, gewiss. Aber alles, was zählt, geschieht davor. Das Auftragen der Farbe, ob im Tief- oder im Hochdruck, führt er mit einem Gespür aus, das man nicht standardisieren kann und das er auch gar nicht standardisieren will. Denn — und das ist seine Überzeugung — wäre jeder Druck gleich, wäre er langweilig.
Und hier liegt der entscheidende Punkt. Was wir in einem Herstellungsprozess
als Fehler bezeichnen würden, ist für ihn ein Zufall. Eine Abweichung. Ein Eigensinn des Materials. Genau so, wie es in der Natur gängig ist: Kein Blatt gleicht dem anderen, keine Rinde, keine Verzweigung. Die Abweichung ist nicht der Defekt des Systems — sie ist das System.
Ein Künstler, der die Natur zum Thema macht und zugleich fehlerfreie Serien produziert, hätte einen Widerspruch in seinem Werk. Bei Clemens Büntig gibt es diesen Widerspruch nicht. Seine Technik denkt, was seine Bilder sagen.
IV. Die Philosophie
Sein philosophischer Ansatz ist nicht aus Büchern gelernt. Er ist von der Natur gelernt.
Sein Credo lautet: Man ist verbunden mit allem. Man ist zwar für sich selbst eine Einheit — aber es gibt immer Zusammenhänge. Und es geht um Wandel, im Laufe eines Lebens.
Pflanzen sind die Grundlage des Lebens. Tiere essen Pflanzen — aber es ist nicht allein die Nahrungskette, die zu betrachten wäre. Denken Sie an die Luft. Was wäre sie ohne Pflanzen? Wir atmen ein Nebenprodukt pflanzlichen Stoffwechsels. Jeder Atemzug in diesem Saal, in dieser Sekunde, ist ein Beleg für diese Verbundenheit.
Das ist keine Esoterik, meine Damen und Herren. Das ist Biologie. Clemens Büntig macht daraus Bilder.
Diese Weltsicht ist ihm nicht zugefallen — sie hat sich erweitert, durch Begegnungen, durch Training, durch ein fortgesetztes Forschen zwischen Naturbeobachtung, Psychologie, Poesie und Alltagswahrnehmung. Er hat sein Verständnis des Lebens immer wieder überprüfen lassen. Auch das ist eine Form von Handwerk.
Das Anliegen des Künstlers geht aber noch darüber hinaus. Ich möchte Ihnen das wörtlich vorlesen, weil er die Begründung selber besser zusammenfasst, als eine Jury es könnte:
„Mit meiner Kunst die Natur des Betrachters zu berühren und dadurch die Erkenntnis zu unterstützen, dass wir genauso Natur sind wie alles andere auf diesem wunderbaren Geschöpf Erde — das ist mein eigentliches Anliegen."
Beachten Sie die Formulierung: die Natur des Betrachters. Nicht das Naturgefühl. Nicht die Naturliebe. Die Natur, die wir selbst sind. Sie erinnern sich an Sloterdijk?
V. Das Werk
Um das Jahr 2000 kehrte er nach Oberbayern zurück, nach Mooseurach; 2008 gründete er dort seine eigene Druckwerkstatt.
Mit dem Ort kam der Wechsel des Motivs. In New York hatte er vor allem Menschen porträtiert. Nun wandte er sich der Pflanze zu — und zwar der Pflanze als Entität, als Wesenheit, das bedeutet die Gesamtheit der Merkmale, die etwas im Kern ausmachen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung, und ich bitte Sie, sie mitzunehmen, wenn Sie gleich vor den Arbeiten stehen. Es geht bei Clemens Büntig nie um die originalgetreue Darstellung einer Pflanze. Er ist kein Botaniker mit Radiernadel. Er sieht die Pflanze
als Mitgeschöpf — als ein Gegenüber, das sich anbietet als Symbol für menschliches Bewusstsein. Symbolhaft werden diese Pflanzen zu einer visuellen Form, zu einer Resonanz der Seele. So sagt es der Künstler selbst. Sie erinnern sich an Sloterdijk?
Deshalb kombiniert er druckgrafische Techniken mit Malerei und Zeichnung, deshalb entwickelt er beharrlich neue Verfahren. Weil sich das, was er zeigen will — Wachstum, Licht, Schichtung, Wandel — mit einem einzigen Verfahren gar nicht sagen ließe.
Seine Arbeiten sind international zu sehen: auf Kunstmessen von Karlsruhe bis zur London Original Print Fair, in Einzel- und Gruppenausstellungen. Sie befinden sich in privaten und öffentlichen Sammlungen — darunter die New York Public Library und das British Museum. Dazu kommt eine intensive Lehrtätigkeit: als Gastdozent, als Referent für traditionelle Drucktechniken und für Natur- und Wahrnehmungsschulungen, als Mitglied in Expertenrunden. Er gibt weiter, was er kann. Nicht jeder tut das.
VII. Schluss
Meine Damen und Herren, wir zeichnen heute kein Werk aus, das über die Natur spricht. Wir zeichnen ein Werk aus, das aus ihr heraus arbeitet — mit ihrer Geduld, mit ihrer Vielschichtigkeit und mit ihrer Unregelmäßigkeit.
Hand und Herz als Hauptwerkzeug, der Zufall als Mitarbeiter, die Pflanze als Mitgeschöpf, der Wandel als Thema.
Lieber Clemens Büntig, die Jury und der Rotary Club Chiemsee gratuliert Ihnen von Herzen.
Vielen Dank.